Monday 10. August 2020

Peter Henrich o.p.

Eine sozial geordnete Marktwirtschaft


 

Die katholische Soziallehre spricht sich für eine freie und sozial geordnete Marktwirtschaft aus. Abgeleitet aus Angebot und Nachfrage bildet sich auf dem Markt ein Marktpreis für die produzierten Güter und Dienstleistungen. „Wenn ein Unternehmen mit Gewinn produziert, bedeutet das, dass die Produktionsfaktoren sachgemäß eingesetzt und die menschlichen Bedürfnisse gebührend erfüllt wurden.“ (CA 35)

 

Bei der marktwirtschaftlichen Ordnung handelt es sich um ein dezentrales Entscheidungssystem, weder staatliche noch gesellschaftliche Instanzen bestimmen, welche Produkte und Dienstleistungen gehandelt werden. Es gibt keine zentral gesteuerten Produktionsziele. „Der Markt ist, wenn gegenseitiges und allgemeines Vertrauen herrscht, die wirtschaftliche Institution, die die Begegnung zwischen den Menschen ermöglicht, welche als Wirtschaftstreibende ihre Beziehungen durch einen Vertrag regeln und die gegeneinander aufrechenbaren Güter und Dienstleistungen austauschen, um ihre Bedürfnisse und Wünsche zu befriedigen. Der Markt unterliegt den Prinzipien der sogenannten ausgleichenden Gerechtigkeit, die die Beziehungen des Gebens und Empfangens zwischen gleichwertigen Subjekten regelt.“ (CiV 35)

 

Sowohl auf nationaler Ebene der einzelnen Nationen wie auch auf jenen der internationalen Beziehungen scheint der freie Markt das wirksamste Instrument für den Einsatz der Ressourcen und für die beste Befriedigung der Bedürfnisse zu sein.“ (CA 34) Allerdings können nur jene Bedürfnisse befriedigt werden, die „bezahlbar“ bzw. „verkäuflich“ sind. Weltweit haben viele Menschen keinen Zugang zum Markt, so dass ihre Grundbedürfnisse nicht gedeckt werden können. (vgl. CA 34)

 

Dabei darf nicht vergessen werden, dass es sich beim Markt weder um ein unveränderliches Naturgesetz noch um einen Automatismus handelt. Der Markt darf nicht absolut gesetzt werden. Wirtschaftliches Handeln ist nur ein Teilbereich des menschlichen Tuns, „ist doch der Mensch Urheber, Mittelpunkt und Ziel aller Wirtschaft“ (GS 63). Auch in diesem Bereich gilt, wie für jeden anderen Bereich auch, die menschliche Freiheit und die Pflicht, davon Gebrauch zu machen.

Das Konzept der freien und sozialen Marktwirtschaft „verbindet das Prinzip der Freiheit auf dem Markt und das Instrument der Wettbewerbswirtschaft mit dem Prinzip der Solidarität und Mechanismen des sozialen Ausgleichs.“ (COMECE, 1) Dennoch wäre eine Erweiterung des Marktes um Aspekte der distributiven und sozialen Gerechtigkeit wünschenswert, das Prinzip des Schenkens und der Unentgeltlichkeit muss weiterhin eine menschliche Handlungsoption bleiben. „Ohne solidarische und von gegenseitigem Vertrauen geprägte Handlungsweisen in seinem Inneren kann der Markt die ihm eigene wirtschaftliche Funktion nicht vollkommen erfüllen.“ (CiV 35)

 

Auch die menschliche Arbeitskraft wird zu Marktpreisen auf dem Markt gehandelt. Abgeleitet aus der Würde des Menschen darf die menschliche Arbeit niemals als „Ware sui generis“ oder wie eine anonyme, für die Produktion erforderliche „Kraft“ betrachtet werden (LE 7). Der Mensch ist immer als Person zu sehen. Ziel aller Wirtschaftstätigkeiten ist der „Dienst am Menschen, und zwar am ganzen Menschen im Hinblick auf seine materiellen Bedürfnisse, aber ebenso auch auf das, was er für sein geistiges, sittliches, spirituelles und religiöses Leben benötigt.“ (GS 64)

 

Dr. Peter Henrich o.p.

Theologe und Mitglied des Dominikanerordens, Düsseldorf

 

 

CA - Centesimus annus

 

CiV – Caritas in veritate

 

Comece - Eine EUROPÄISCHE SOLIDARITÄTS- UND VERANTWORTUNGSGEMEINSCHAFT ERKLÄRUNG DER BISCHÖFE DER COMECE ZUM EU-VERTRAGSZIEL DER WETTBEWERBSFÄHIGEN SOZIALEN MARKTWIRTSCHAFT

 

GS – Gaudium et spes

 

LE – Laborem exercens

 

 

"Darum müssen die Anteile der verschiedenen Menschen und gesellschaftlichen Klassen an der mit dem Fortschritt des Gesellschaftsprozesses der Wirtschaft ständig wachsenden Güterfülle so bemessen werden, daß dieser (...) allgemeine Nutzen gewahrt bleibt, oder, was dasselbe mit anderen Worten ist, dem Gesamtwohl der menschlichen Gesellschaft nicht zu nahe getreten wird". Papst Pius XI. (Quadragesimo anno, 57-58)

 

 

"Solange die Probleme der Armen nicht von der Wurzel her gelöst werden, indem man auf die absolute Autonomie der Märkte und der Finanzspekulation verzichtet und die strukturellen Ursachen der Ungleichverteilung der Einkünfte in Angriff nimmt, werden sich die Probleme der Welt nicht lösen und kann letztlich überhaupt kein Problem gelöst werden. Die Ungleichverteilung der Einkünfte ist die Wurzel der sozialen Übel Papst Franziskus (Evangelii Gaudium, 202)

 


Den Nächsten lieben heißt, nicht die eigenen Interessen suchen, sondern die Lasten der Schwächeren und Ärmeren tragen.

 

 

 

 

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