Tuesday 11. August 2020

Ignace Berten o.p.

Solidarität in Europa?


 

Die Europäische Union ist darin gescheitert, eine soziale Gemeinschaft zu bilden, die sich durch ein Band der Solidarität auszeichnet. Sie hat sich selbst für eine Globalisierung geöffnet, die von blindem Finanzkapitalismus beherrscht wird. Dieser hat einen Kapitalismus hervorgebracht, der den Regeln der Produktivität folgt. Durch eine politische Entscheidung wurde Europa zum Nachteil seiner Bürger in die Hände des Marktes übergeben, was zu ihrem größten Schwachpunkt wurde.

 

“Ihr aber verachtet den Armen”, schreibt der heilige Jakobus (2,6). Papst Franziskus äußert sich sehr klar über die Dringlichkeit politischer Reformen: “Die Notwendigkeit, die strukturellen Ursachen der Armut zu beheben, kann nicht warten, nicht nur wegen eines pragmatischen Erfordernisses, Ergebnisse zu erzielen und die Gesellschaft zu ordnen, sondern um sie von einer Krankheit zu heilen, die sie anfällig und unwürdig werden lässt und sie nur in neue Krisen führen kann. (…) Solange die Probleme der Armen nicht von der Wurzel her gelöst werden, indem man auf die absolute Autonomie der Märkte und der Finanzspekulation verzichtet und die strukturellen Ursachen der Ungleichverteilung der Einkünfte in Angriff nimmt, werden sich die Probleme der Welt nicht lösen und kann letztlich überhaupt kein Problem gelöst werden. Die Ungleichverteilung der Einkünfte ist die Wurzel der sozialen Übel. Die Würde jedes Menschen und das Gemeinwohl sind Fragen, die die gesamte Wirtschaftspolitik strukturieren müssten.” (Evangelii gaudium 202-203)

 

Die Sozialverkündigung der Kirche erkennt den Wert des Marktwirtschaft wie auch ihre Grenzen. Sie ist effektiv, muss aber auch reguliert werden, denn von sich selbst kann der Markt Notwendiges nicht gewährleisten: den Schutz öffentlicher Güter wie der Umwelt oder des Wassers; eine Antwort auf Grundbedürfnisse derer, die sich Nahrung, Behausung, Gesundheitversorge nicht selbst leisten können und von ihnen ausgeschlossen werden; die Anerkennung der Verantwortung öffentlicher Institutionen in sozialer Hinsicht, insbesondere der der Nationalstaaten; die Regulierung internationaler Finanzinstitutionen.

 

Auf europäischer Ebene sollten diese Bedürfnisse in den Entscheidungsprozessen zwischen wirtschaftlichen Aspekten einerseits und sozialen sowie fiskalen Aspekten andererseits nachjustiert werden. Gleichzeitig muss der Prozess der gemeinschaftlichen Entscheidungsfindung gestärkt werden, die als einzige eine effektive Solidarität garantieren kann.

 

 

Ignace Berten o.p.

Gründer von ESPACES-Spiritualities, Cultures and Society in Europe, Brüssel

 

 

 

"Darum müssen die Anteile der verschiedenen Menschen und gesellschaftlichen Klassen an der mit dem Fortschritt des Gesellschaftsprozesses der Wirtschaft ständig wachsenden Güterfülle so bemessen werden, daß dieser (...) allgemeine Nutzen gewahrt bleibt, oder, was dasselbe mit anderen Worten ist, dem Gesamtwohl der menschlichen Gesellschaft nicht zu nahe getreten wird". Papst Pius XI. (Quadragesimo anno, 57-58)

 

 

"Solange die Probleme der Armen nicht von der Wurzel her gelöst werden, indem man auf die absolute Autonomie der Märkte und der Finanzspekulation verzichtet und die strukturellen Ursachen der Ungleichverteilung der Einkünfte in Angriff nimmt, werden sich die Probleme der Welt nicht lösen und kann letztlich überhaupt kein Problem gelöst werden. Die Ungleichverteilung der Einkünfte ist die Wurzel der sozialen Übel Papst Franziskus (Evangelii Gaudium, 202)

 


Den Nächsten lieben heißt, nicht die eigenen Interessen suchen, sondern die Lasten der Schwächeren und Ärmeren tragen.

 

 

 

http://www.theeuropeexperience.eu/