Tuesday 11. August 2020

Prof. Johan Verstraeten

Gerechtigkeit in der Katholischen Soziallehre


 

Die Katholische Soziallehre steht nicht nur für Nächstenliebe und Solidarität, sondern auch für Gerechtigkeit. Hierbei sind drei Aspekte zu unterscheiden: allgemeine Gerechtigkeit, Verteilungsgerechtigkeit und Tauschgerechtigkeit.

 

Zu allererst besteht die Pflicht jeden Bürgers darin, zum Wohl aller beizutragen. Schon im mittelalterlichen Europa war es Thomas von Aquin, der dies mit den Begriffen der allgemeinen oder Regelgerechtigkeit ausdrückte. Hierbei bekräftigte er die grundlegenden Überlegungen von Aristoteles, dass die Gerechtigkeit die perfekteste aller Tugenden sei, da sie die menschlichen Handlungen auf den Anderen und auf das Gemeinwohl ausrichtet. Erst vor kurzem haben die US-Bischöfe dies im Begriff der „Beteiligungsgerechtigkeit“ zum Ausdruck gebracht, hinsichtlich der Pflicht jeden Bürgers, „aktiv und produktiv am gesellschaftlichen Leben mitzuwirken.“ Es ist die Aufgabe jeden Bürgers, „Waren, Dienstleistungen sowie nicht-materielle und spirituelle Werte zu schaffen“, welche zum Wohl der ganzen Gesellschaft beitragen. Dies umfasst nicht nur Arbeit im ökonomischen Bereich sondern auch andere, die Gesellschaft bereichernde Aktivitäten wie Kunst, Dichtung, Gastfreundschaft, ehrenamtliche Arbeit, Kontemplation, Achtsamkeit, Zuwendung, Pflege usw. (Economic Justice for All, Nr. 71).

 

Diese „Pflicht“ zur Gemeinwohlgerechtigkeit wird durch einen zweiten Aspekt ergänzt: jeder Bürger muss als Person dazu befähigt werden, an der Schaffung von Wohlstand und Wohlbefinden mitwirken zu können; auch muss jede Person Anteil an diesem Wohlstand und Wohlbefinden haben. Dieses Befähigen ist Aufgabe und Pflicht des Staates, der Zivilgesellschaft, transnationaler Organisationen wie der EU und anderer globaler Institutionen. Mit einem Wort: Jede Institution, welche die Möglichkeiten hat, Menschen zur Teilnahme zu befähigen. 

 

Der Auftrag des Befähigens wird durch die Verteilungsgerechtigkeit garantiert. Dabei ist es nicht ausreichend, allein die Grundversorgung, „Nahrung oder eine ‚menschenwürdige Versorgung‘ zu sichern, sondern (…) Wohlstand in seinen vielfältigen Aspekten‘ (zu) erreichen. Das schließt die Erziehung, den Zugang zum Gesundheitswesen und besonders die Arbeit ein, denn in der freien, schöpferischen, mitverantwortlichen und solidarischen Arbeit drückt der Mensch die Würde seines Lebens aus und steigert sie.“ (Papst Franziskus, Evangelii Gaudium, Nr. 192). Auch die Enzyklika Quadragesimo anno (1931) beschreibt den Zusammenhang von Verteilungsgerechtigkeit und Gemeinwohlgerechtigkeit: „Darum müssen die Anteile der verschiedenen Menschen und gesellschaftlichen Klassen an der mit dem Fortschritt des Gesellschaftsprozesses der Wirtschaft ständig wachsenden Güterfülle so bemessen werden, dass (…) dieser allgemeine Nutzen gewahrt bleibt oder, was dasselbe mit anderen Worten ist, dem Gesamtwohl der menschlichen Gesellschaft nicht zu nahe getreten wird. Dieser Forderung der Gemeinwohlgerechtigkeit läuft es zuwider, wenn eine Klasse der anderen jeden Anteil abspricht. (…) Jedem soll also sein Anteil zukommen; im Ergebnis muss die Verteilung der Erdengüter (…) mit den Forderungen des Gemeinwohls bzw. der Gemeinwohlgerechtigkeit in Übereinstimmung gebracht werden.“ (Quadragesimo anno, Nr. 57-58).

 

Aus dem Blickwinkel der Verteilungsgerechtigkeit betrachtet bleiben folgende Fragen offen: (1) Berücksichtigt die EU das soziale Wohlbefinden ihrer Bürger ausreichend, oder konzentriert sich die Union zu einseitig auf Fragen der Regulierung der Märkte bzw. des Wettbewerbs? (2) Wird genug unternommen um arme und ausgegrenzte Bürger zur aktiven Teilnahme an der Gesellschaft zu befähigen? (3) Reichen die Anstrengungen aus, die wachsende Ungleichverteilung zu beenden? („Die Ungleichverteilung der Einkünfte ist die Wurzel der sozialen Übel.“ Papst Franziskus, Evangelii Gaudium, Nr. 202).

 

Nicht zuletzt, gibt es die dritte Gerechtigkeitsform: ‚Tauschgerechtigkeit‘. Tauschgerechtigkeit fordert grundlegende Fairness in allen Vereinbarungen und Tauschbeziehungen zwischen Einzelpersonen bzw. privaten und sozialen Gruppen. Tauschgerechtigkeit ist die Grundlage für Marktbeziehungen und Verträge. Somit ist es die Grundlage für „fairen Handel“ und enthält die Verpflichtungen, Produzenten und Landwirten für ihre Wahren, sowie Arbeitern für ihre Arbeit gerechte Preise bzw. Löhne zu zahlen.

 

Prof. Dr. Johan Verstraeten

Direktor- Zentrum für katholisches Sozialdenken

K.U.Leuven

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

 

 

"Darum müssen die Anteile der verschiedenen Menschen und gesellschaftlichen Klassen an der mit dem Fortschritt des Gesellschaftsprozesses der Wirtschaft ständig wachsenden Güterfülle so bemessen werden, daß dieser (...) allgemeine Nutzen gewahrt bleibt, oder, was dasselbe mit anderen Worten ist, dem Gesamtwohl der menschlichen Gesellschaft nicht zu nahe getreten wird". Papst Pius XI. (Quadragesimo anno, 57-58)

 

 

"Solange die Probleme der Armen nicht von der Wurzel her gelöst werden, indem man auf die absolute Autonomie der Märkte und der Finanzspekulation verzichtet und die strukturellen Ursachen der Ungleichverteilung der Einkünfte in Angriff nimmt, werden sich die Probleme der Welt nicht lösen und kann letztlich überhaupt kein Problem gelöst werden. Die Ungleichverteilung der Einkünfte ist die Wurzel der sozialen Übel Papst Franziskus (Evangelii Gaudium, 202)

 


Den Nächsten lieben heißt, nicht die eigenen Interessen suchen, sondern die Lasten der Schwächeren und Ärmeren tragen.

 

 

 

http://www.theeuropeexperience.eu/